Anke Röhrscheid
"Ich war die Welt, in der ich ging, und was ich sah,
Was hörte oder fühlte, kam einzig aus mir selbst;
Und dort fand ich mich wahrer und mir fremder." (1)
Wallace Stevens (1879 - 1955)
Diese schwarzen Flächen, durch zahlreiche Schichten in ein undurchdringliches Dunkel getaucht, ein samtweicher, atmender Raum. Und dann der feine Pinsel, der durch die vielen Schichten auf den weißen Büttenpapiergrund gleitet, lichte Wesen hervorzaubert. Für den Betrachter ist dieser Malprozess nicht nachvollziehbar. Er geht davon aus, dass Anke Röhrscheid die Gebilde mit weißer Farbe auf das satte Dunkel des Aquarells gemalt hat. Das Gegenteil ist wahr. Der tiefschwarze Raum wird mit Wasser durchdrungen. Er zerteilt das Dunkel, das sich lustvoll öffnet, erreicht das Weiß des Papiers, dass das Licht wie Morgentau empfängt. Beide, das Dunkel und das Helle, schmiegen sich um den Pinsel, verschmelzen mit ihm, folgen seinem Weg, vermeiden jeden Widerstand, um dem Klang die jeweils eigene Melodie zu verleihen. Es ist ein inniges Spiel, das höchste Konzentration und Zärtlichkeit verlangt. Der dunkle, unendliche Raum gebiert Gebilde, die auseinander streben, sich umschlungen halten, miteinander tanzen, die geräuschlos balzen, Pirouetten drehen. Es sind Hexen und Elfen, Filamente und Schnörkel, Stachel und Dornen. Es sind vor allem Wesen im Flug oder schwebend, solche die auftauchen, sich zeigen, übermütig oder scheu sind, manchmal wie ein Augenzwinkern in Erscheinung treten, oder dem Entschwinden nahe sind. Sie können auch anthropomorphen Charakter haben. Aber das ist nicht direkt gewollt. Das "Erzählerische" ist eher eine Folge des Tuns, eine Folge der Stimmung, in der diese kleinformatigen Blätter ausgeführt werden.
Ja, dieses Geräuschlose, in der Entfernung von Lichtjahren und dann: die spürbare materialbedingte Nähe. Dieses Weiß, das kein Weiß mehr ist, weil es durch die nächtlichen Schichten freigelegt wurde. Stephen Crane (1871 - 1900) könnte es so gesehen haben:
"Beim Gang durch den Himmel
Traf ein Mann im schwarzen Gewand
Auf eine lichte Gestalt.
Eifrig schritt er aus;
Beugte sich dann fromm.
,Mein Gott', sprach er.
Doch der Geist kannte ihn nicht." (2)
So schwarz wie der Kosmos ist, so schwarz wie das Gewand des Mannes, so unsichtbar sein Gesicht, der schnelle Schritt und die Verbeugung erkennbar sind, so unhörbar seine Stimme ist, so geisterhaft erscheinen die Wesen in Anke Röhrscheids Blättern. Sie haben nichts Dämonisches, sie sind zart, geschmeidig, können auch widerspenstig sein. Würde man ihnen begegnen, wie der Mann im Gedicht von Stephen Crane, würden sie einen nicht erkennen, weil sie Teil des Dunkels sind, einem Gedächtnisraum gleich, der sich seiner selbst erinnert.
Anke Röhrscheid ist den Kosmos abgeschritten. Sie hat die Betrachter gefundne, die sich zu ihren Arbeiten beugen, Gedanken und Assoziationen spielen lassen und ganz unvoreingenommen ihren lichten Wesen folgen.
Es sind Gedichte, die Anke Röhrscheid malt. Eingebungen mystischer Art. Schamanistische Zeichen, wie in einem Aufwind durcheinander gewirbelt, in Ekstase zur Ruhe gekommen, verharrend in verzückter Elevation, schwebend wie Mauersegler.
Es gibt Blätter mit roten Gebilden, was heißt, dass die Grundfarbe ein Rot ist, überdeckt von nächtlichem Schwarz. Die Formen können ihr Angesicht ändern, in Organismen mutieren, als wäre der Tiefenraum aus dem sie entstehen von Glut erfüllt.
Die Blätter sind nicht größer als 9 x 15 cm. Man kann sie in Seidenpapier gehüllt auf die Reise nehmen.
Jean-Christophe Ammann
1 Wallace Stevens, "Der Planet auf dem Tisch", Stuttgart 1983, S. 139 (aus: "Tee am Palaz von Hoon")
2 Stephen Crane, "Schwarze Reiter", Leipzig 1985, S. 51