Verwandlungspflanzen

Knospen und Keime in erdigem Schwarz zeigt Anke Röhrscheid in der Frankfurter Galerie Martina Detterer. Aber in den Tiefen der Kunst ist alles anders als gedacht - das Gegenständliche treibt sein Spiel mit uns.

Von Christoph Schütte

Frankfurt. Manchmal wird man zum Opfer seiner eigenen Obsessionen. Dann sieht man schaurige Gestalten dort, wo bloß der Nebel ins Geäst der Bäume greift, nimmt Monster und Chimären wahr, wo nur tiefe Wolken von den Bergen in die Täler rollen. Auch der Kunstbetrachter ist gegen solche Gefährdungen naturgemäß nicht gefeit. „Alles Schweinkram", ließ sich angesichts von Anke Röhrscheids Aquarellen der Besucher einer Ausstellung vor einigen Jahren vernehmen, und nicht nur in der damals durchaus amüsierten Wortwahl scheint das ein kleines bisschen übertrieben. Vor den Aquarellen jedoch, die Röhrscheid nun in der Frankfurter Galerie Martina Detterer an der Hanauer Landstraße 20-22 zeigt, liegen offen erotische Assoziationen auch dem diesbezüglich vielleicht ein wenig unbedarfteren Betrachter nicht fern.

Knospen, Pflanzenkapseln und Mutterknollen platzen in diesen sinnlich prallen Blättern wie reife Früchte auf, sie treiben Keime, lange Fäden, die Tentakeln ähneln, sich hier umschlingen und umgarnen, dort verknoten und mitunter seltsam schöne Blüten treiben. Organische, meist vegetabil erscheinende Formen, haarig, pelzig und dornig, keimen und wuchern mal wild und verschlungen in saftigem Rot auf hellem Grund, mal ganz im Verborgenen, in dichter, tiefschwarzer Farbigkeit, die keinerlei Durchblick gewährt.

Aber nichts ist eindeutig in diesen Bildern, und bei aller sich unmittelbar mitteilenden Sinnlichkeit bleibt doch alles offen und kunstvoll in der Schwebe. Röhrscheids farbglühende Aquarelle lassen zwar stets gegenständliche Assoziationen zu, bedürfen ihrer aber keineswegs. Im Grunde sind sie ohnehin weit-gehend abstrakt. Und selbst die Anklänge an naturkundliche Studienblätter, an vorwiegend botanische, gelegentlich auch anatomische Illustrationen früherer Jahrhunderte verweigern sich jedweder gegenständlichen Bestimmung.

Die fremden Welten, die die 1965 in Erfurt geborene Künstlerin Mal um Mal und Blatt für Blatt erkundet, scheinen eher innerer Natur, der äußeren organischen Formenvielfalt nicht abgeschaut, sondern ihr allenfalls nachempfunden. Röhrscheid, die ihr Studium an der Städelschule als Meisterschülerin von Hermann Nitsch abgeschlossen hat, entwickelt ihre geheimnisvollen Formen, Körper, Traumgespinste und Fabelwesen bei aller Akkuratesse vielmehr ausnahmslos aus dem Prozess der Werkentstehung.

Dabei zeichnen sich ihre Arbeiten seit jeher durch eine angesichts des von ihr ausgewählten Darstellungsmediums frappierende Dichte und eine den Betrachter unmittelbar in ihren Bann ziehende Intensität aus, die sich nicht zuletzt der Akribie des Bildaufbaus verdankt. Schicht um Schicht trägt Röhrscheid die Farbe mit äußerster Sorgfalt auf Büttenpapier auf, lässt mit feinem Pinselstrich Formen und nie gesehene Kreaturen wachsen, fokussiert und isoliert so manches dieser merkwürdigen Wesen mit geradezu mikroskopischem Blick. Im Vergleich mit ihren früheren Arbeiten erscheinen die aktuellen Blätter in überwiegend intimen Formaten noch' konzentrierter.

Vor dem tiefschwarzem Fond, aus dem heraus ihre Formen seit ein, zwei Jahren bevorzugt leuchten, verdichten sich all die Keimlinge, Schwellkörper und Fruchtstände mit ihren hier tastenden, dort gierigen Verschlingungen zu pulsierenden, gänzlich phantastischen Welten, die man voller Neugier und Erwartung, doch zugleich auch ein wenig bangen Herzens betritt. Als fürchte man, es gäbe, einmal eingetaucht in diesen Kosmos, am Ende keinen Weg zurück. Denn was auch immer der wagemutige Entdecker bei der Erkundung dieses pulsierenden Universums finden mag: Es ist von großer, verführerischer Kraft.